Stell dir vor, du bist 25 Jahre alt. Du bist bloss ein Meter vierzig gross und wiegst um die 80 Kilo. Es ist ziemlich warm, die Luftfeuchtigkeit beträgt über 80 Prozent. Entspannt liegst du in einer Astgabel und schiebst dir genüsslich deine Leibspeise in den Mund. Und jetzt stell dir das Ganze 30 Meter über dem Boden vor. Höhenangst?

Den grössten Baumbewohner der Welt schreckt dies nicht: Orang-Utans verbringen ihr ganzes Leben in den Wipfeln des Regenwaldes. Essen, umherstreifen, streiten, Liebe machen, Babys stillen und natürlich schlafen – ähnlich wie wir verbringen die Einzelgänger einen langen, gemütlichen Nachtschlaf in Nestern. Zumindest, wenn man sie in Ruhe liesse: Unsere orangehaarigen Verwandten sind akut bedroht. Waldbrände, Wilderei und die Abholzung gewaltiger Waldflächen zugunsten von Palmölplantagen dezimieren ihren Bestand rapide. Auch illegaler Wildtierhandel ist weit verbreitet; der Besitz eines Orang-Utan-Babys gilt vielerorts als Statussymbol.

Nähert sich ein Orang-Utan den Siedlungen rund um die Auswilderungsgebiete der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOSF), wird das BOS-Rettungsteam alarmiert: «Indem uns die Dorfbevölkerung informiert, sehen wir, dass unser Engagement in den Dörfern fruchtet», sagt Ursula Ledergerber von BOS Schweiz. «Die Bewohner haben ein Bewusstsein dafür entwickelt, warum der Orang-Utan und der Wald so wichtig für die Dorfgemeinschaft sind. Oft erfahren wir durch sie auch von Tieren, die illegal als Haustiere gehalten werden.»

Orang Utan Baby©BOS Foundation

Überleben lernen im Kindergarten

Viele Orang-Utans, die in den BOS-Rettungsstationen landen, sind noch Babys. Von ihren Müttern fehlt meist jede Spur. Da Orang-Utan-Mütter ihre Jungen niemals alleine lassen würden, muss davon ausgegangen werden, dass sie getötet wurden. Um die Waisen kümmern sich menschliche Ersatzmütter: «Sie geben ihnen Nähe und versuchen ihnen alles beizubringen, was sie für ein Leben in der Wildnis brauchen», so Ledergerber. «Anfangs werden die Kleinen medizinisch untersucht und gepflegt. Nach einer Quarantänezeit kommen sie ins Babyhaus. Danach ist es wie bei unseren Kindern; erst kommen sie in die Krippe, dann in den Waldkindergarten, danach in die Schule.» Orang-Utan-Teenager und Erwachsene, die das Nötigste gelernt haben, kommen auf sogenannte Vorauswilderungsinseln. Ein Testlauf, währenddessen genau beobachtet wird, ob ein Tier bereit ist für seine Unabhängigkeit.

Orang Utan Baby©Björn Vaughn, BOS Schweiz, BOS Foundation

«Die Suche nach Auswilderungswäldern ist schwierig. Einerseits ist der Platz beschränkt, weil schon so viel Wald abgeholzt wurde. Andererseits sind manche Wälder nicht geeignet, weil sie nicht die richtige Nahrungsgrundlage bieten. Um Konflikte zu vermeiden, sollte der Ort zudem weit weg sein von Plantagen und Siedlungen. Und wo bereits wilde Populationen leben, können wir auch keine Orang-Utans platzieren», erklärt Ledergerber. Weil grosse Teile des Regenwalds vom indonesischen Staat verwaltet werden, müssen Auswilderungen vorab mit den Behörden abgesprochen werden.

Wilderer im Lockdown

Manchmal gibt es schlichtweg einen Stau: Weil an einer Auswilderung bis zu acht Träger sowie Tierärzte, Betreuer und Techniker involviert sind, ist das Risiko einer Übertragung des Virus vom Menschen auf das Tier gross. Immerhin gehören wir zur selben Spezies. «Würde ein infizierter Orang-Utan ausgewildert, könnte sich das Virus ungehindert im Regenwald verbreiten und Wildtiere anstecken», so Ursula Ledergerber. BOS hat deshalb bereits im März sämtliche Auswilderungen gestoppt und die Rettungsstationen für Volontäre sowie Besucher gesperrt. Die daraus resultierenden finanziellen Einbussen fallen ins Gewicht: Die Menschenaffen in den Rettungsstationen verzehren jeden Monat bis zu 50 000 Kilogramm Obst, Gemüse und andere Lebensmittel, hinzu kommen hunderte Liter Ersatzmilch. Parallel dazu sind die Preise für Früchte, Gemüse, Desinfektionsmittel, Hygienemasken und Handschuhe in den letzten Monaten massiv gestiegen.

«Würde ein infizierter Orang-Utan ausgewildert, könnte sich das Virus ungehindert im Regenwald verbreiten.»
Ursula Ledergerber, BOS Schweiz

Währenddessen wartet eine ganze Gruppe von Tieren auf ihre Auswilderung – sie sind bereit für die Wildnis, hängen aber in den Rettungsstationen fest. BOS arbeitet auf Hochtouren daran, die Prozesse so sicher zu machen, dass Auswilderungen auch unter den aktuellen Bedingungen durchgeführt werden können. Trotz aller Schwierigkeiten birgt die Pandemie womöglich auch Gutes: Zurzeit landen weniger Affenkinder in den Rettungsstationen. Ob dies daran liegt, dass auch Wilderer öfters zuhause sitzen, muss sich noch zeigen. Dass der Wildtierschmuggel unter anderem vom Reiseverhalten abhängt, steht jedoch fest.

Ausgewachsener Orang Utan©BOS Foundation

Geht es für die wartenden Affen endlich weiter, wird jedem ein Funkortungsgerät eingesetzt. Übersteht ein Orang-Utan die ersten Monate in der Wildnis, sind die Chancen gut, dass die Auswilderung ein Erfolg wird. Zwar verlieren die meisten Tiere aufgrund der anstrengenderen Nahrungssuche an Gewicht, doch solange sie munter sind und jeden Abend ihr Schlafnest in den Wipfeln bauen, ist alles im grünen Bereich. An die zwei Jahre lang wird das Monitoring-Team über Gesundheit und Sozialverhalten der Tiere wachen, zumindest, wenn sie im dichten Grün noch auszumachen sind. Als Meister des Social Distancing bleiben wilde Orang-Utans nämlich am liebsten für sich. Irgendwann wird das Signal plötzlich weg sein. Mit der Energie der Batterie wird eine lange Beziehung zu Ende gehen. Hoffentlich für immer. 

Wir unterstützen BOS Schweiz jährlich bei ihren Wiederaufforstungsprojekten. Auch du kannst etwas tun: Möchtest du ebenfalls Bäume pflanzen? Einem Waldschüler den Znüni spendieren? Oder lieber den Milchschoppen für die Kleinsten? Was auch immer: Die Orang-Utans werden sich freuen. Und wir auch.